In ihrem Film „The Testament of Ann Lee“ entwirft die Regisseurin Mona Fastvold ein eindringliches Porträt der Frau, die im 18. Jahrhundert die Shaker-Bewegung in den USA begründete. Durch die Verwendung von Musical-Elementen erzählt der Film von dem Versuch, eine Lebensform zu finden, die der Botschaft der Evangelien irdische Gestalt verleiht. Fastvold und ihr Partner Brady Corbet, die bereits mit „The Brutalist“ in Venedig glänzten, schaffen ein Werk, das durch seine Intensität und Ungewöhnlichkeit besticht.
Die Shaker und ihr Erbe
Die Shaker-Bewegung, die um die 1736 in Manchester von Ann Lee gegründet wurde, ist bekannt für ihren schlichten, funktionalen Designstil, der bis heute geschätzt wird. Während Charles Dickens bei einem Besuch in einem Shaker-Haus spöttisch über die „grimmigen“ Umstände berichtete, bleibt das kulturelle Gedächtnis der Shaker vor allem durch ihre Ästhetik lebendig. Die Glaubensgemeinschaft selbst ist jedoch fast verschwunden, was den Kontrast zwischen ihrem historischen Einfluss und der gegenwärtigen Wahrnehmung verstärkt.
Musikalische Elemente und spirituelle Ausdrucksformen
Fastvold und Corbet haben sich entschieden, dem Film die Form eines Musicals zu geben, in dem Gesang und Tanz die Handlung strukturieren. Diese Entscheidung ist besonders stimmig, da der Name „Shaker“ von den ekstatischen Schütteltänzen abgeleitet ist, die Teil ihrer religiösen Praxis waren. Die Kombination von Tanz und Musik, unterstützt von Komponist Daniel Blumberg, schafft eine Verbindung zwischen dem Physischen und dem Spirituellen. Die Überzeugung der Shaker, dass göttliche Offenbarung ein lebendiger Prozess ist, wird durch die dynamischen Bewegungen der Charaktere und die tanzende Kamera eindrucksvoll vermittelt.
Die Lebensgeschichte von Ann Lee
Der Film gliedert sich in drei Kapitel: „Mädchen“, „Frau“ und „Mutter“. Diese Struktur beleuchtet Lees Vita und die Entstehung der Shaker-Bewegung in den USA. Die Handlung beginnt mit Lees Kindheit in Manchester und ihrer Ehe, die an ihren religiösen Überzeugungen zerbricht. Der Film endet mit ihrem Tod im Jahr 1784, zehn Jahre nach ihrer Auswanderung in die Neue Welt. Hier suchen sie einen Ort, um ihre Vorstellungen eines Lebens im wahren christlichen Geist zu verwirklichen.
Körperliche Erfahrungen und Glaubensinhalte
Im ersten Kapitel spielt die Sexualität eine zentrale Rolle. Ann Lee und die Shaker entscheiden sich, zugunsten eines keuschen Lebens auf Sexualität zu verzichten, was in Anbetracht ihrer persönlichen Erfahrungen nachvollziehbar ist. Mehrere Schwangerschaften und schwierige Geburten, bei denen keines ihrer Kinder das Säuglingsalter überlebt, prägen ihre Sichtweise. Der Verzicht auf „Unzucht“ wird in diesem Kontext als heilbringender Akt betrachtet, was die Komplexität ihrer Glaubensüberzeugungen verdeutlicht.
Utopische Lebensformen und Geschlechterordnung
Nach einer gefahrvollen Überfahrt in die USA formen die Shaker Schritt für Schritt ihre Glaubenswelt zu einer neuen Lebenswelt. Die Gleichheit der Geschlechter, die Ablehnung von Rassismus und ein strenger Pazifismus sind zentrale Elemente ihrer Gemeinschaft. Diese progressive Geschlechterordnung war im 18. Jahrhundert revolutionär und führte sowohl zu Faszination als auch zu Anstoß bei Zeitgenossen. Der Film thematisiert diese Spannungen und die Herausforderungen, die die Shaker-Gemeinschaft zu bewältigen hatte.
Fazit: Ein wundersames Utopia
„The Testament of Ann Lee“ lässt die klare Stil-Sprache der Shaker und ihre utopischen Ideale aufleben. Im Gegensatz zu heutigen evangelikalen Bewegungen, die oft von politischem Ungeist geprägt sind, wirkt der Film geradezu wundersam utopisch. Fastvold und Corbet schaffen es, die religiöse Welt der Shaker eindrucksvoll zu reanimieren und dem Publikum eine tiefere Einsicht in die Komplexität und den Reichtum dieser Glaubensgemeinschaft zu bieten.


