Das diesjährige Berlinale Shorts Programm präsentierte 21 Kurzfilme aus 21 Ländern, allesamt Weltpremieren. Wie in den vergangenen Jahren versuchten vor allem jüngere Regisseure, sich den Fragen der Gegenwart zu nähern. Die Filmauswahl, die auch Animationen umfasst, bietet eine Vielzahl von skurrilen, emotionalen und nachdenklichen Studien zu gesellschaftlichen und geschichtlichen Themen.
Magie und Widerspenstigkeit
Anna Henckel-Donnersmarck, die langjährige Sektionsleiterin, beschreibt die Bildsprache und den Grundton vieler Filme als „Magie und eine leise Widerspenstigkeit“. Es sei berührend zu sehen, mit wie viel Behutsamkeit, Wärme, Humor und Offenheit selbst schwere Themen angegangen werden. Dies trifft insbesondere auf den Gewinner des Goldenen Bären zu, den Film Yawman ma walad (Someday, a Child) der libanesischen Regisseurin Marie-Rose Osta. Im Zentrum steht ein elfjähriger Junge, Khalid Hassan, der mit magischen Kräften ausgestattet ist und in einer von Krieg geprägten Umgebung lebt.
Ein Junge zwischen Magie und Realität
Der Junge lebt mit seinem Onkel in der Bauruine ihres Hauses, über dem täglich israelische Bomber dröhnen. Gemeinsam mit seinen Freunden erkundet er die Ruinen und testet seine magischen Fähigkeiten. Eine der eindrucksvollsten Szenen zeigt, wie er Walnüsse nur durch seinen Blick öffnet. Als sein Onkel dies entdeckt, reagiert er unwirsch und erklärt, dass eine Welt, in der man Nüsse durch sanfte Magie knackt, nicht existiert. Diese Konfrontation zwischen Kindheitsträumen und der harten Realität des Krieges zieht sich durch den gesamten Film.
Ein persönlicher Rückblick
Marie-Rose Osta erklärt, dass sie eine persönliche Erinnerung aus ihrer Jugend verarbeitet hat. Im Juli 2006 war sie als Teenager in Beirut und erlebte den Beginn des israelischen Angriffs auf den Libanon. Diese Erfahrung, kombiniert mit der Erinnerung an das unvollendete Haus ihres Großvaters, bildet den emotionalen Kern des Films. Sie fragt sich: „Was passiert, wenn die innere Kraft eines Kindes auf eine Welt trifft, die entschlossen ist, es zu disziplinieren?“
Solidarität in einer kalten Welt
Ein weiteres zentrales Thema der Berlinale Shorts ist die Sehnsucht nach menschlichem Zusammenhalt und Solidarität. Der Film Di san xian (Kleptomania) von Jingkai Qu aus China, der den Cupra Filmmaker Award erhielt, thematisiert die Spirale von Gewalt in einer sozial verfallenden Industriestadt. Der Regisseur beleuchtet die gesellschaftlichen Bedingungen, die Gewalt begünstigen, und zeigt, wie Kinder in einer von Ausbeutung geprägten Umgebung aufwachsen.
Menschlichkeit in der Trauer
Der 18-minütige Film Les Ames du Fouta (Souls of Fouta) von Alpha Diallo aus Senegal behandelt den Konflikt zwischen harten religiösen Vorschriften und menschlichem Verhalten. Die Geschichte dreht sich um einen jungen Mann, der an einer Überdosis Drogen stirbt. Sein Vater möchte ihn nicht auf dem Dorffriedhof beerdigen lassen, während seine Mutter für eine menschliche Beerdigung kämpft. Die letzte Szene, in der Dorfbewohner gemeinsam ein Grab schaufeln, symbolisiert die Kraft der Gemeinschaft und die Überwindung von Vorurteilen.
Ein Unfall im ländlichen Raum
Der Debütfilm Ein Unfall der österreichischen Regisseurin Angelika Spangel erzählt von scheinbar unzusammenhängenden Ereignissen in einem ländlichen Dorf. Die ruhige, dokumentarische Kameraführung zeigt, wie die Dorfbewohner auf verschiedene „Unfälle“ reagieren. Spangel thematisiert Schuld und Scham und zeigt, wie die Gemeinschaft trotz individueller Konflikte zusammenkommt, um das Miteinander wiederherzustellen.
Exzesse und Verfall
Cosmonauts, der erste Animationsfilm von Leo Černic, spielt auf einem intergalaktischen Kreuzfahrtschiff und thematisiert die Suche nach echter Zuneigung in einer Welt voller Exzesse. Der Film kritisiert die kapitalistische Gesellschaft, die menschliche Bedürfnisse in Konsum verwandelt und die Einsamkeit der Menschen verstärkt. Černic widmet seinen Film den Außenseitern und zeigt, dass die Einsamkeit, die aus hedonistischen Praktiken resultiert, ein universelles Problem ist.
Historische Rückblicke
Die Kurzfilmauswahl enthält auch Werke, die sich mit dem gesellschaftlichen Umbruch und dem Ende der Sowjetunion auseinandersetzen. Der Dokumentarkurzfilm Mit einem freundlichen Gruß von Pavel Mozhar zeigt die Auswirkungen der Wiedervereinigung auf die Arbeiterklasse in der ehemaligen DDR. Ein beeindruckendes Videoessay von Giorgi Gago Gagoshidze verknüpft seine persönliche Krebserkrankung mit dem Kollaps der Sowjetunion und thematisiert die chronischen Nebenwirkungen des Übergangs zu kapitalistischen Verhältnissen.
Fazit
Die Berlinale Shorts 2023 bieten einen facettenreichen Blick auf die Herausforderungen und Fragen der Gegenwart. Die Filme sind nicht nur künstlerisch wertvoll, sondern auch gesellschaftlich relevant. Sie laden dazu ein, über menschliche Beziehungen, Solidarität und die Auswirkungen von Krieg und gesellschaftlichem Wandel nachzudenken. In einer Zeit, in der die Welt vor großen Herausforderungen steht, sind diese Geschichten von Magie, Menschlichkeit und Widerspenstigkeit von großer Bedeutung.


