Es gibt diese Momente am Familientisch, in denen alles gesagt scheint – und doch nichts ausgesprochen wird. Man reicht das Salz, fragt nach dem Job, nickt höflich. Zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern passt oft kein Streit mehr, sondern nur noch eine höfliche Stille. Genau in diese Risse schaut Jim Jarmusch in seinem neuen Film „Father Mother Sister Brother“, der jetzt in die deutschen Kinos kommt. Er entdeckt ein ganzes Universum aus Blicken, Pausen und verpassten Sätzen.
Ein stiller Film, der mit Tragikomik berührt
Der US-amerikanische Kultregisseur Jim Jarmusch, bekannt für seine einzigartigen Erzählweisen, gewann für „Father Mother Sister Brother“ den Goldenen Löwen beim Filmfest Venedig. Mit einer Starbesetzung, zu der Cate Blanchett, Adam Driver, Tom Waits, Charlotte Rampling und Vicky Krieps gehören, gelingt es ihm, die komplexen Dynamiken innerhalb von Familien auf eindringliche Weise darzustellen. In drei Episoden beleuchtet Jarmusch verschiedene Familiensituationen und schafft einen stillen Film, der mit seiner Tragikomik berührt und viele Zuschauer an eigene Familienerlebnisse erinnern dürfte.
Eine Familie in New Jersey
Im ersten Teil des Films stehen Tom Waits, Adam Driver und Mayim Bialik im Mittelpunkt. Das Setting ist das heruntergekommene Haus eines eigenbrötlerischen Vaters (Waits) in New Jersey. Seine erwachsenen Kinder besuchen ihn, und schnell wird klar, dass solche Treffen selten stattfinden. Verstockt sitzen sie am Couchtisch und bemühen sich um Smalltalk über Gesundheit und Arbeit. Immer wieder stoßen sie mit Wasser und Tee an: „Auf die Familie!“ Der Vater erkundigt sich nach der Partnerin seines Sohnes, ahnungslos, dass die beiden längst getrennt sind.
Die vermeintliche Armut des Vaters wird zum Gesprächsthema, doch dann blitzt etwas an seinem Handgelenk auf – eine Rolex? Gefälscht, behauptet er. Erst als die Kinder gehen, wird klar: Die Uhr ist echt und der Vater alles andere als arm. Über seine Designermöbel hatte er alte Decken gelegt, seinen BMW unter einer Plane versteckt. Unbekümmert setzt er sich hinter das Steuer, um das Geld, das ihm sein Sohn gerade zugesteckt hat, auf den Kopf zu hauen.
Eine Familie in Dublin
Der zweite Teil spielt in Dublin, wo Cate Blanchett und Vicky Krieps die Töchter einer strengen Mutter (Rampling) verkörpern. Der jährliche Afternoon Tea steht an – elegant gedeckt, geschmackvoll eingerichtet, aber voller Spannung. Die Mutter, eine erfolgreiche Schriftstellerin, strahlt Kälte aus, die im Kontrast zu ihren Töchtern steht.
Die eine Tochter wirkt chronisch pleite und sympathisch verpeilt, während die andere etwas verstockt wirkt, als hätte sie ihr Leben lang zurückstecken müssen. Wieder kommt kein rechtes Gespräch zustande. Die eine Tochter zeigt stolz ihre gefälschte Rolex und erzählt einen Witz, um die Anspannung zu lösen. Alle sind erleichtert, als das Treffen vorbei ist.
Eine Familie in Paris
Die dritte Episode erzählt von zwei Geschwistern (Indya Moore und Luka Sabbat), die kürzlich ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz verloren haben. In Paris treffen sie sich in der leer geräumten elterlichen Wohnung und durchstöbern Erinnerungsstücke. Dabei merken sie, dass sie ihre Eltern vielleicht gar nicht so gut kannten, wie sie dachten.
„Father Mother Sister Brother“ ist ein lakonischer Film, der Gefühle andeutet, aber nie ausspricht. Statt eines spannenden Plots setzt er auf Situationskomik. Formal ist der Film bis ins Detail durchdacht, mit wiederkehrenden Motiven und Sätzen, die die Erzählung zusammenhalten.
Ehrung in Venedig für Jarmuschs Gesamtwerk?
Für diese Ästhetik wird Jarmusch schon lange verehrt. Nicht nur Festivalgänger, auch Stars wie Blanchett und Bialik bezeichneten sich in Venedig als Fans. Als der Filmemacher zur Pressekonferenz kam, brachen Journalisten und andere Gäste in regelrechten Jubel aus. Mehrere Menschen, auch aus dem Filmteam, bezeichneten Jarmuschs Kultfilm „Night on Earth“ als einen ihrer Lieblingsfilme.
Die Auszeichnung Jarmuschs in Venedig kann auch als Ehrung für sein Gesamtwerk verstanden werden. Denn obwohl „Father Mother Sister Brother“ viele gelungene Szenen bietet, erreicht er nicht ganz die Stärke von „Night on Earth“. Manchmal ist der Film so unaufgeregt, dass er ins Langatmige kippt.
Fazit
„Father Mother Sister Brother“ ist ein eindringlicher Film, der die Komplexität familiärer Beziehungen auf eine subtile Weise einfängt. Jarmuschs Fähigkeit, Emotionen durch Stille und Andeutungen zu vermitteln, macht diesen Film zu einem besonderen Erlebnis. In einer Welt, in der Worte oft fehlen, zeigt er, dass die Stille manchmal lauter spricht als das Geschwätz.


